Weihnachten
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Brauchtum
Kriegs- und Nachkriegsweihnacht

 

Weihnachtserinnerungen eines alten Schlesiers

Es war wohl immer so: Die Alten erinnern sich zum Weihnachtsfest  gerne an ihre Kindheitstage! Was haben mir alte Menschen alles erzĂ€hlt, wenn wir ihnen erst mal die Zunge gelöst hatten, wenn sie im Fahrwasser waren, dann plauderten sie in ganz reizvoller Weise fröhlich drauf los und manches, was sie beglĂŒckte, wenn sie ihrer Weihnachtsfeste in der Kinderzeit gedachten, kam da zum Vorschein.

So mag es auch im Jahre 1931 kurz vor dem Weihnachtsfest gewesen sein, denn da bringt eine schlesische Tageszeitung eine reizvolle Plauderei eines gewiß nicht mehr jungen Mannes, der sich vergangenen Zeiten erinnert. Dies Plauderei wollen wir hier wiedergeben und wir meinen, viele unserer Leser und Heimatfreunde werden ihre rechte Freude daran haben. Lassen wir also den alten Mann aus dem Jahre 1931 von seiner Kindheit in Breslau erzĂ€hlen:

„Nu kumm ock nĂ€her, Kindel,
Und sieh die Sachen an;
Besiech die Zuckerkringel,
Besieh da Hampelmann!
Der Markt, is vull von SchÀtzen
Das flinkert ock asu!
Asu viel bunte Fetzen
Gibt’s suste nirgendwu.
Kumm her, mach uff das TĂ€schel,
Hie is kee NĂŒssel huhl.
Hier kriegste fĂŒr drei Gröschel
An ganze MĂŒtze vul.

 

Mitten durch das GewĂŒhl der Kraftwagen und Radfahrer zieht die Albrechtstr ein Pferdefuhrwerk entlang, ein Lastwagen, bedĂ€chtig und langsam, ganz beladen mit Tannen und Fichten. Auf den BĂŒcherplatz, dem Ring, an der Elisabethkirche und auf vielen und auf vielen anderen PlĂ€tzen der Stadt wachsen kleinere und grĂ¶ĂŸere NadelwĂ€lder empor. Der herbe Harzgeruch, den sie aus stillen Bergforsten mitbringen, kĂ€mpft um die Wette mit den hĂ€ĂŸlichen GerĂŒchen nach Schmieröl und Benzin, von denen die feuchte Luft der Großstadtstraßen erfĂŒllt ist.

Wenn dieser halbwĂŒrzige Harzduft jetzt bei GĂ€ngen durch die Stadt mir die Sinne umschmeichelt. Kommt mir das alte Kinderlied vom Breslauer Kindelmarkt, das ich zu Beginn meiner Erinnerungen niedergeschrieben habe, in den Sinn und mir wird selig still und vertrĂ€umt zu mute. Mit eigenem Glanz in den Augen und dem LĂ€cheln eines Kindes im  Gesicht gehe ich meines Weges, so daß mancher erstaunt wenn er mich begegnet, mich erstaunt ansieht und fragen möchte: „Hast Du das Große Los gewonnen ? Oder was ist Dir sonst fĂŒr ein GlĂŒck widerfahren ?“

Ach nein ! Das große Los hat mich noch niemals gessegnet ! Es ist nur eine sĂŒĂŸliche Kindheitser-innerung, die in mitten des StraßengewĂŒhls jĂ€h in mir wach wurden. Der Ring, die alten, lieben Straßen haben plötzlich ein anderes Gesicht bekommen, das mir vertrauter ist als das gegenwĂ€rtige. Die alten, spitzgibeligen HĂ€user, die sich in die neue Zeit hinĂŒber gerettet haben, nicken mir lachend zu : „Weißt Du noch ?“

Neben ihnen tauchen in meinen Gedanken die anderen HĂ€user auf, die mit der Spitzhacke bereits zum Opfer gefallen sind und neuen Bauten Platz machten. Die schönen Linien und Formen der alten PatrizierhĂ€user sind vom weiß schimmernden Schnee betont nachgezogen. Auf den Ecken und TĂŒrmchen liegen weiche Wattepolster. Die dunklen Fensteraugen schauen verwundert auf das Leben und Treiben herab, das zu ihren FĂŒĂŸen ĂŒber Nacht aufgewacht ist.

Endlich auch die Zimmersche Buchhandlung an der Ecke der SchuhbrĂŒcke ĂŒberwunden. Die Albrechtstraße mĂŒndete in den Ring und nun gab es kein Halten mehr. Leise sanken feine Schneeflocken, aus dem DĂ€mmergrau des Himmels sich lösend, hernieder, legten weiße Kappen  auf unsere Kapuzen und MĂŒtzen, machten uns zu SchneemĂ€nnern. Wir achteten es nicht. Es gab nun gar viel zu sehen und zu hören. An der „Goldarbeiterseite“ zogen sich zwei Leinwandbuben. Über senkrechte, ungehobelte Leisten waren große Zeltplanen gespannt. Im leichten Zugwind flackerten die offen brennenden Gasflammen und sangen ihre eintönige Melodie. TrĂŒben Schein warfen sie ĂŒber die bunten Waren, die auf rohen Holztischen auslagen. Aber in Erinnerung leuchten sie heller, als wenn sie von grellen Glanze des modernen elektrischen Lichts bestrahlt worden wĂ€ren.

Was gab es da nicht alles zu sehen ! Flauschhosen baumelten von Zeltleisten herab, SchĂŒrzen, TĂŒcher, Hemden dekorierten sie, Schuhe in allen Arten und GrĂ¶ĂŸen zierten die Verkaufstische. Lange grobe Bauernstiefel standen wie Kanonenrohre da. Aus den starren SchĂ€ften sah das gekringelte, weiße oder braune Lammfell heraus, mit dem sie gefĂŒttert waren.

Fast in der Mitte der Reihe, die nach der Naschmarktseite hinĂŒber sah, hatte ein Bekannter meiner Eltern seine Bude. Er war Sattlermeister und bot DamentĂ€schchen, BĂŒchertaschen, Portemonaies und Ă€hnliche Dinge feil, die fĂŒr uns Kinder kein besonderes Interesse hatten. Aber auch ein Schaukelpferd stand links vom Auslagetisch. Das stand immer da, solange ich zurĂŒck denken konnte, hatte es die Kindelmarktsaison mitgemacht. Es war zu teuer, denn es kostete ganze 10 Mark, darum mochte es unverkĂ€uflich sein. Aber es war auch ein ganz besonderes Wiegenpferd, die stille Sehnsucht unserer Kinderherzen. Es hatte richtiges Fell, eine MĂ€hne aus Pferdehaaren, und seine ZĂŒgel waren mit kleinen Glöckchen besetzt, deren LĂ€uten unserem Kinderohren viel schöner dĂŒnkte, als Tom, dem Reimer das Klingeln der Silberglöckchen seiner MĂ€rchenfee. Wir waren glĂŒcklich, wenn wir nur einmal scheu und zĂ€rtlich ĂŒber das Fell streichen durften, und mein Schwesterlein umarmte den Gaul, als wĂ€re es eine große Puppe, tĂ€tschelte ihn und kĂŒĂŸte ihn mitten auf die nach Farbe riechenden NĂŒstern.

Die doppelte Zeltreihe, der „Goldarbeiterseite“ war aber fĂŒr uns Kinder nur ein kleiner Vorgeschmack der Schaufreuden, die unserer noch harrten. Wir beachteten sie nur, weil wir dem Sattlermeister „Guten Tag“ sagen und ihm die GrĂŒĂŸe der Eltern ausrichten mußten. HauptsĂ€chlich aber um des Schaukelpferdes willen!

Viel, viel schöner war es in den Budenreihen der „Sieben – KurfĂŒrsten – Seite“. Hier waren sechs oder acht hohe Holzhallen errichtet, die quer zu dieser Ringseite standen. Von einem Ende zum anderen Ende fĂŒhrte ein breiter Gang, und zu beiden Seiten befanden sich Verkaufskojen. In den Hallen der TextilwarenhĂ€ndler ging es meist recht ruhig zu. Da gab es keine GetrĂ€nke und GelĂ€rm staunender Kinder. Nur Hausfrauen und FamilienvĂ€ter gingen hier bedĂ€chtig und prĂŒfend durch die Reihen, befĂŒhlten die Stoffe, die Hosen, die Röckchen und Kleider und feilschten und nörgelten, bis sie sich entschlossen, weiter zu gehen, um an anderer Stelle das Spiel vom neuen zu beginnen.

Pflichtbewußt stapften auch wir durch diese Hallen. Man konnte ja nicht wissen, ob man etwas versĂ€umte, wenn man sie ausließ. Es war aber nichts zu versĂ€umen. Es roch nach Leinewand und Baumwolle und war recht langweilig. Wir zerrten darum tĂŒchtig an den Rockfalten der alten Scholzen, um sie rasch als möglich vorwĂ€rts zu kommen.

Da war es doch vor dem PfefferkĂŒchlerbuden ein anderes Ding. Die sĂŒĂŸen DĂŒfte, die hier verströmten, hielten uns in den Bann, daß wir gar nicht fort wollten. Mit glĂ€nzenden, begehrlichen Augen betracht-eten wir die braunglasierten, schön mit Mandeln geschmĂŒckten Pfefferkuchen, die Marzipanschwein-chen in allen GrĂ¶ĂŸen, die Cervelat- und LeberwĂŒrste aus Marzipan mit dem appetitlichen Anschnitt, die riesigen Pfefferkuchenherzen, mit roter Farbe, weißen Zuckerguß, sinnvollen SprĂŒchen und bunten Bildchen geschmĂŒckt.

„Bauernbissen“! – Ach, ich glaube, es gibt auf der ganzen Welt keinen Pfefferkuchen der so vortrefflich schmeckt! Was sind dagegen Lebkuchen aus NĂŒrnberg! Das Schlimmste ist, daß man heute ganz gewiß diese Leckerei – eben die Bauernbissen – nicht mehr halb so gut bekommt, wie in unseren Kindertagen. Wo ist in der Weihnachtszeit noch das weiße Schild mit der verfĂŒhrerischen Aufschrift: „Frische Bauerbissen“ bei einem PfefferkĂŒchler zu sehen ? Wo kann man noch mit solchen Genuß die einzelnen Teile dieses kloßartig zusammengesetztes GebĂ€ckes voneinander lösen, um sie mit genießerischen Behagen in den Mund zu stecken ?  Man hat mir einmal verĂ€chtlich gesagt, sie schmecken nach gar nichts weiter, als nach Mehl und Zucker. Ja, wer mit der feinschmeckerischen Zunge nicht neben Honig und GewĂŒrz aller Art auch die seligen Kindheitserinnerungen heraus fĂŒhlen kann, der ist fĂŒr den wahrhaften Genuß der schlesischen Bauernbissen einfach nicht geschaffen.

Mit einer anderen sĂŒĂŸen Begehrlichkeit ist es mir Ă€hnlich ergangen. An der EinmĂŒndung der Elisabethstr. Stand ein ZuckerbĂ€cker in weißer SchĂŒrze und roten Fez auf dem Kopf. Er markierte den TĂŒrken, weil er tĂŒrkischen Honig verkaufte. Ich kannte ihm schon von der Eisbahn an der Liebichshöhe her, wo er am Fuße der kleinen Insel seinen Tisch aufgeschlagen hatte. Wie oft habe ich mit sehnsuchtslĂŒsternen Augen in seiner NĂ€he gestanden und jeden beneidet, der sich fĂŒr 5 Pfennige einige StĂŒcke der harten Masse abhacken lassen konnte. Ich weiß heute noch nicht, wie das Zeug geschmeckt hat, weil ich mich scheute den letzten Sechzer auszugeben, den ich wie einen „Hecktaler“ hĂŒtete. Ich hatte aber immer nur den „letzten“ in der Tasche.

Von seinem hohen Pferde schaute der „Alte Fritz“ verwundert, aber nicht unfreundlich auf das bunt bewegte, laute Treiben des Christmarktes zu seinem FĂŒĂŸen. Immer hat uns Jungen das Fehlen der Sporen an seinem Reitstiefeln geĂ€rgert, weil wir nicht wußten, daß der große König nie welche benutzt hatte. Jetzt achteten wir seiner nicht. Es gab schließlich viel mehr interessantes zu sehen. Die langen Holzhallen waren hier zu Ende, und an ihrer Stelle traten die gleichen Zeltbuden, wie an der „Goldarbeiterstr.“ Zwischen ihren Reihen und am Stadthaus entlang entwickelte sich das eigentliche , das fröhliche Markttreiben. Lustig, lĂ€rmender Trubel wogte. Hahnenpfeiffen schrien uns grell in die Ohren. SpielmĂ€use quiekten. Trompeten bliesen. Trommel ratterten. Klappern quarrten. Puppen quietschten. Hökerweiber schimpften. HĂ€ndler priesen laut ihre Waren an. Jungen schrien ihrem Kram aus und ließen ihre „Waldteufel“ surren und schnurren. Sie hatten sie selber in mĂŒhsamer Arbeit geklebt, diese Trommeln aus Pappe und mit bunten Glanzpapier verschönt. Durch den Deckel liefen zwei ineinander gedrehte Pferdehaare, die an den HolzstĂ€bchen befestigt waren. Wenn dieses Marterinstrument gedreht wurde, gab es so lang anhaltende Rasseltöne, die durch Resonanz der unten offenen Trommel verstĂ€rkt wurden.

„StĂŒck fer StĂŒck ‚n Böhm!“ schrien die Bengel, „koofen Se, koofen Se, scheene Dame! Die scheensten Waldteufel, bloßn’n Böhm das StĂŒck!“ Zudringliche ZappelmannverkĂ€ufer sperrten die Wege zwischen den Budenreihen. An alle VĂ€ter und MĂŒtter drĂŒckten sie sich heran, quĂ€lten das ihnen einer der bunten, aus Papier geklebten HampelmĂ€nner abgekauft wĂŒrde.

„Koofen Se mir een’n ab, lieber Herr!“ schrien sie wirr durcheinander, „koofen Se, `s is der letzte! Mich friet! Ich möchte nach Hause gehen!“

Dabei hing außer diesen „letzten“ noch ein halbes Dutzend anderer an den obersten Jackenknopf des kleinen Schlaubergers. Den Frauen rissen sie fast die Rockfalten aus, und wenn eine Mildherzige sich verleiten ließ, einen der HampelmĂ€nner zu kaufen, stĂŒrmte ein Dutzend anderer VerkĂ€ufer mit ohrenbetĂ€ubenden Geschrei auf sie ein.

„Koofen Se Rosen, scheene Christbaumrosen!“ schrien andere. „Christbaumlichter! Das StĂŒck `n Pfennig!“ „Engelshaar vor`n Böhm!“ „Christbaumtillen! Christbaumtillen! Das Neuste wo man hat!“

An allen Spielwarenbuden blieben wir stehen. Was gab es da nicht alles fĂŒr Herrlichkeiten! Bleisoldaten, Trommeln, Pfeifen, Gewehre, ganz wie in dem Kinderweihnachtslied. Helme aus Pappe mit vergoldeter Spitze, Steckenpferdchen, bunte Spiele, anderer Art und mancherlei Tand. Das Auge wußte nicht, wohin es zuerst sehen sollte.

Mein Schwesterchen krĂ€hte natĂŒrlich nach allen Puppen. Puppenstuben, Puppenwagen. Und davor blieb unsere Kindfrau auch am liebsten und am lĂ€ngsten stehen. Da wurde sie nie ungeduldig, sie wurde vielmehr selber zu einem Kind. Ich erinnere mich heute noch, wie es in unseren Augen glĂ€nzte, wenn sie die Puppen sah. Ihr heimlicher, heißester Wunsch war gewesen, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Im Kind schien ihr alles GlĂŒck zu leben, das auf Erden möglich war. Sie hatte sich dann auch schon als junges MĂ€dchen schnell verlobt. Heiraten konnten die jungen Leute doch noch nicht, weil es am nötigsten fehlte, das zu einer Ehe gehört. Sie warteten sechs, acht , zehn Jahre. Dann verunglĂŒckte ihr BrĂ€utigam, litt lange und starb.

Wenn ich heute an das alte, liebe, runzelige Gesicht unserer Kinderfrau denke, will es mich wie Wehmut um ein verfehltes Leben ĂŒberschleichen. War es aber wirklich so verfehlt, weil einer tiefen und starken Sehnsucht keine ErfĂŒllung wurde ?

Ich muß an die „Schornsteinpfeger aus Backpflaumen“ und an den „tĂŒrkischen Honig“ denken. WĂŒrden sie mir heute noch so sĂŒĂŸe Erinnerungen unseres Lebens Glanz und Farbe bringen, sondern die unerfĂŒllten, die immer Sehnsucht bleiben, ob sie Schornsteinpfeger aus Backpflaumen oder lebendigen Kindern gelten .......“

Wie in einem alten Guckkasten – in einer „Laterna Magica“ – sind diese Bilder vom Breslauer Weihnachtsmarkt, verklĂ€rt vom Glanz der Vergangenheit, an uns vorĂŒbergezogen. Und jeder unserer Leser erinnert sich dabei vergangener Zeiten, als ob er den Christkindelmarkt in Landeshut, Hirschberg, Lauban oder Görlitz besuchte und diese vorweihnachtliche Welt der Heimat mit staunenden Kinderaugen betrachtete.

 

Weihnachten 1931: Regen im Gebirge

Ja, auch das konnte einmal möglich werden, daß es im Riesengebirge keinen Schnee gab, daß das Observatorium Krieter bei Breslau nicht melden konnte: „Ski und Rodel sehr gut“.

Wer aber das Weihnachtsfest im Riesengebirge verleben konnte, der mußte damals schon zu der Bevorzugten, zu den BegĂŒterten gehören. Viele Schlesier blieben zum Weihnachtsfest daheim. Wer aber ins Riesengebirge fuhr, der nahm sich die „Bretter“ mit, denn der wollte gewiß mit seinen Skiern die weiße, weihnachtliche Bergwelt durchqueren.

Lassen wir uns einmal von einem alten Zeitungsbericht erzÀhlen, wie es zum Weihnachtsfest 1931 im Riesengebirge ausgesehen hat:

„Wie immer lockten die Berge im Glanz des Neuschnees. Diesmal mehr denn je, da das Entgegenkommen der Reichsbahn durch die erweiterte Geltungsdauer der Sonntagsfahrkarten auf den immer mehr zusammenschrumpfenden Geldbeutel RĂŒcksicht genommen hatte. So waren die HauptsportplĂ€tze des Riesengebirges wie auch die Hochgebirgsbauden und die böhmische Seite seit Wochen zumeist ausverkauft.

Die Berliner und Breslauer Bahnhöfe fĂŒllte vor Abfahrt der SportzĂŒge ein Bretterwald. Auf dem Hirschberger Bahnhof ist die Zahl der ankommenden Fremden in den Weihnachtstagen auf 25000 geschĂ€tzt worden, und es sei dankbar anerkannt, daß die Reichsbahn diesen Riesenverkehr in An- und Abtransport mit Vor- und NachzĂŒgen klaglos bewĂ€ltigte.

Mit großen Erwartungen hatte man das WintersportgerĂ€t instand gesetzt, aber eine falsch dirigierte Warmluft ließ das Thermometer steigen und die Hoffnung auf den Nullpunkt sinken. Am 24. Und 25.12. regnete es, und die Schneedecke zog sich immer mehr in die höheren Lagen zurĂŒck. Glatteis und Pappschnee  herrschten. Am 26.12. brachte ein Sturm die Meteorologie wieder etwas in Ordnung, und am 31.12 sowie auch am 1.1.1932 strahlte die Landschaft bei völliger Windstille in Sonne und Neuschnee. Die Herrlichkeit war von kurzer Dauer. Die Kostprobe des Winterwetters wurde am 3.1. durch intensiven Regen verdorben. Durch die wenigen schönen Tage, die eine herrliche Fernsicht boten, wird der erholungs suchende GroßstĂ€dter doch das Bewußtsein mit heimgenommen haben, auf seine Kosten gekommen zu sein.“

Schöne Fernsichten hat es also gegeben, und das wird manchen Gebirgsfreund, der das Christfest 1931 im Riesengebirge verbracht hat, entschÀdigt haben.

 

Silvestergottesdienst in der Schreibhauer Kirche

Das mag nun der Schluß unserer Betrachtungen, unserer RĂŒckschau auf das schlesische Weihnachten in den 30. Jahren des 20. Jahrhunderts sein: Die Schilderung eines Silvestergottesdienstes in der Schreibhauer Kirche. Es war kein Schlesier, dem wir diese Schilderung verdanken und die wir einer schlesischen Tageszeitung vom Januar 1932 entnehmen. Sein Name ist mit Dr. Werner StrĂŒwing angegeben, dahinter steht der Wohnort Stettin. Der Familienname StrĂŒwing, darf auch keineswegs schlesisch gelten, eher ist er norddeutscher Herkunft. Was der Mann damals niedergeschrieben hat und was eine schlesische Tageszeitung veröffentlichte, kann uns noch heute beglĂŒcken. Deshalb wollen wir diese Schilderung – sie wurde gewiß mit einem glĂ€ubigen und gottvertrauenden Herzen niedergeschrieben – mit Bedacht lesen und hinterher vielleicht noch ein wenig darĂŒber nachdenken:

„Sylvester im Riesangebirge.

Die evangelische Kirche in Oberschreiberhau war ĂŒberfĂŒllt. Nicht nur OrtsansĂ€ssige, sondern auch Sportler und Erholungssuchende waren zahlreich vertreten. Es darf wohl der Besuch eines Gotteshauses im Gebirgsort am letzten Tag des Jahres als eine der eindrucksvollsten Stunden bezeichnet werden. Hatte man vielleicht noch einige Stunden vor Beginn des Gottesdienstes die Erhabenheit der Natur, die unerbittliche Strenge des Schneesturmes gefĂŒhlt oder mit dem Rodelschlitten vom Kamm herab in kurzer Zeit das sichere Tal erreicht, so hatte man in der Kirche Gelegenheit, alle EindrĂŒcke alles Großen und Schönen, das man letzten Endes seinem Schöpfer verdankt, vor sich vorĂŒberziehen zu lassen.

Das Lied „Ach, bleib` mit deiner Gnade mit uns, Herr Jesu Christ“, das in dem letzten Verse um Treue bittet, erweckte Schulerinnerungen und Erinnerungen an manches persönliches Erlebnis ernsterer Art. Ernst stimmte der Gesang der Gemeinde „Bedenke, Mensch, das Ende, denke deinen Tod“. Auch fĂŒr denjenigen, der das Gebirge liebt, ist das eine Mahnung, die nicht ernst genommen werden kann. Das Lied „Lobe den Herren, den mĂ€chtigen König der Ehren“, gab Veranlassung, wiederum einmal dem Schöpfer zu danken fĂŒr alles das, was er uns Gutes getan hat.

Die Predigt mahnte, nicht nur am Vergangenem zu kritisieren, sondern sich an dem Guten, was auch das vergangene Jahr gebracht hat, auf zu richten. Wenn der Geistliche aufgrund eines Psalms ĂŒber die Stille sprach, die auch der Mensch benötigte, um wieder Kraft zu sammeln, wird wohl jeder, der das Gebirge und die Schneelandschaft liebt, an die schönen Stunden gedacht haben, die ihm das schöne Riesengebirge immer wieder bringt. Weit oben, wo die vereisten BĂ€ume trotz Sturm und Schneelast immer noch standhalten und sogar noch weiter gedeihen, wird derjenige, der wirklich ein Freund der Natur ist, auch an sie selbst denken und ein Beispiel der ursprĂŒnglichen Kraft, die sich trotz aller WiderstĂ€nde durchzusetzen versucht, finden.

Und „Friede auf Erden und den Menschen Wohlgefallen“ sang dann der Chor. Frieden, den jeder Mensch haben muß, um wieder aufbauen zu können; Frieden, den auch in der Natur findet, wenn man sie nur verstehen will. Mit dem bekannten Liede „Nun danket alle Gott“ wurde der eindrucksvolle Gottesdienst beendet.

Die TĂŒren der kleinen, auf dem Kapellenberge gelegenen Kirche öffneten sich. Neuschnee hatte die Landschaft in ein Festtagskleid gehĂŒllt. Um eine wertvolle Stunde des Lebens bereichert, zog wohl jeder, der diesen Gottesdienst beigewohnt hatte, in seine Baude oder in sein vorĂŒbergehendes Heim.

Wenn auch am Silvesterabend die urwĂŒchsige Freude, wie sie in anderen Jahren – und ins besondere im Gebirge -  ĂŒblich ist, nicht aufkommen konnte, so dĂŒrfte wohl der Silvester – Gottesdienst 1931 in der Evangelischen Kirche in Oberschreiberhau dazu beigetragen haben, die innere StĂ€rke zu geben, die er fĂŒr die Überwindung des schweren Jahres 1932 benötigt.“

Damit soll unsere RĂŒckschau auf jene Zeiten – selige Zeiten in der Heimat – abgeschlossen werden. Sicher wird mancher von uns in diesem Jahre zum Weihnachtsfest, wenn das GelĂ€ut der Glocken ĂŒber deutschen StĂ€dten und Dörfern erklingt, hinaus lauschen und sich dabei jener seligen glĂŒcklichen Jahre in der Heimat erinnern. Und sicher wird mancher von uns auch in der Silvesternacht auf horchen, wenn er das GelĂ€ut der Glocken hört. Dann sollte einen jeden Dankbarkeit erfĂŒllen. Dankbarkeit dafĂŒr, daß uns die Schönheit des Heimaterlebens noch immer unsere Tage verklĂ€rt und daß das Bild der Heimat – auch so wie es sich in der Weihnachtszeit da bot – noch immer nicht vor unserem geistigen Auge verblaßt ist, sondern daß es stĂ€rker und aussagekrĂ€ftiger denn je vor uns steht, als ein unverlierbarer Besitz, der uns Gott auf den Lebensweg gegeben wurde und der uns begleitet, wo immer uns unser Erdenweg auch hinfĂŒhren wird .....                                     zurĂŒck

Schlesische Weihnachten 1933

 

Veröffentlicht am 20.12.1973 im schlesischen Gebirgsboten von Heinz Kulke,Einleitung abgeÀndert am 21.9.02.

 

Wenn wir um ganze 7 Jahrzehnte zurĂŒckdenken – welche Zeitspanne umfaßt das denn ? Wir erinnern uns: Das Weihnachtsfest 1933 war das erste, welches unser Volk unter der Herrschaft eines Herrn Hitler begehen mußte. Damals beseelten viele Menschen Hoffnung und Zuversicht. Sie meinten, er wĂŒrde das Elend der Arbeitslosigkeit Ă€ndern und sie glaubten seinen Friedensbeteuerungen. Diese GutglĂ€ubigkeit wurde dann spĂ€ter sehr enttĂ€uscht, aber davon war zum Weihnachtsfest 1933 vielleicht noch nicht zu spĂŒren.

Wenn wir die beiden davor liegenden Weihnachtsfeste noch hinzunehmen, also die der Jahre 1931 und 1932, so mĂŒssen wir uns dabei zwangslĂ€ufig der großen Arbeitslosigkeit erinnern, der großen Not, der Hoffnungslosigkeit. Ach, und damals mußte zu den Weihnachtsfesten sehr, sehr gespart werden, das war auch daheim – in unserer Familie – so. Wir Kinder erhielten ein Buch, ein paar TaschentĂŒcher, ein paar StrĂŒmpfe vielleicht und einen Teller mit Äpfeln und NĂŒssen, etwas Naschwerk, wobei eine Schokolade und ein paar MarzipanstĂŒcken, nicht fehlten, und wir hatten einen Lichterbaum, der mit glĂ€sernen Christbaumschmuck und mit Lametta und auch ein paar Zuckeringeln geschmĂŒckt war, das hatte die Mutter am Abend zuvor bis zur ErmĂŒdung alles gemacht, um uns Kindern – zum heiligen Abend einen festlich geschmĂŒckten Baum bescherren zu können. Ja – und wenn ich mich rĂŒckschauend erinnere, so muß ich sagen, daß dies trotz aller Bescheidenheit eine „selige, fröhliche, gnadenbringende Weihnachtszeit“ war.

Nicht immer bruzelte eine Gans im Ofenrohr, aber ein StĂŒck Fleisch gab es bestimmt. Und in der Regel hatte Mutter auch Pfefferkuchen gebacken, zusammen mit der großen Schwester. Sicher waren es keine „NĂŒrnberger Lebkuchen“, es waren sehr viel schlichtere, aber nicht weniger schmackhafte schlesische Pfefferkuchen.                                         zurĂŒck

 

Von guten und billigen Pfefferkuchen

Da fĂ€llt mir ein Zeitungsaufsatz in die Hand, er entstammt ihrgend einer schlesischen Tageszeitung vom Dezember 1931. Er ist nicht uninteressant, zu lesen, was in diesem vergilbten alten Zeitungsartikel, das Papier ist schon sehr brĂŒchig geworden, alles geschrieben steht. Wir lesen:

„Wer von den schlesischen Hausfrauen bĂ€ckt nicht gerne Pfefferkuchen! Die ganze Familie wartet nun sicherlich auch in diesem Jahr darauf, wie nun der beliebte Pfefferkuchen schmecken wird. Eine schlesische Hausfrau, deren Back- und KochkĂŒnste wir kennen, schickt uns folgende zwei Rezepte ein. Sie schreibt dazu: „Ich backe seit Jahren sogar beide Sorten, denn der gute alte Pfefferkuchen-ware immer zu schnell weg – und in diesem Jahr erst recht, denn ich muß sparen.“

Schlesischer Pfefferkuchen (billige Sorte):

Wer erinnert sich wohl an den wohlschmeckenden einfachen Pfefferkuchen, der bei der schlesischen Kirmes und am Weihnachtsfest eine Rolle spielte? Als „PfeffermĂ€ndel“ oder „Mehlweißen“ oder „Paperle“ genannt – je nach Form – bekam man ihn in den PfefferkĂŒcherlein usw. angeboten; auch heute gibt es wohl noch Ähnliches, doch war er frĂŒher im Geschmack besser gehalten.

Diesen einfachen Pfefferkuchen kann die Hausfrau sehr gut selbst herstellen, das Rezept ist Ă€ußerst billig, und der Pfefferkuchen ist wohlschmeckend und bekömmlich. Man lasse ein Pfund Honig – es kann natĂŒrlich auch Kunsthonig sein – mit einem Pfund Zucker, einen viertel Liter Wasser aufkochen. Etwas abgekĂŒhlt schĂŒttet man dies auf die in einer SchĂŒssel vorbereiteten anderen Zutaten, als das sind: Etwa 2 bis 2 Âœ Pfund Mehl, davon kann mindestens die HĂ€lfte Roggenmehl sein, ein Packet PfefferkuchengewĂŒrz, wie man es fertig gemischt erhĂ€lt, und noch einige Gramm pulverisierten Fenchel. Die Triebkraft besteht aus zehn Gramm pulverisierten Hirshhornsalz und eben solchen 20 Gramm Pottasche. Dieses wird in etwas Wasser aufgelöst und dazu gegeben. Alles muß einen geschmeidigen Teig nach dem Auswirken ergeben, der sich zu allerlei Formen wie KrĂ€nze, Tabakpfeifen, GeldsĂ€cke, PfeffermĂ€nnchen formen lĂ€ĂŸt. Der Phantasie sind dabei keine Schranken gesetzt. Die Hauptsache ist wohl, daß man durch Probe backen eines StĂŒckes ausprobiert, ob der Teig die richtige Festigkeit hat, oder ob noch Mehl ausgewirkt werden muß. Er muß beim Backen ziemlich hochgehen. NatĂŒrlich kann man ihn auch aufrollen und in lĂ€ngliche StĂŒcke schneiden, das sind dann „Mehlweißen“, oder man kann den Teig auch in Formen ausstechen, die sich fĂŒr den Christbaumbehang eignen.

Schlesischer Pfefferkuchen (besonders gut):

Ein Pfund Honig, ein Pfund Zucker, zwei Pfund Weizenmehl, ein Viertelpfund in Stifte geschnittene Mandeln, ein Viertelpfund geschnittenen Zitronat, vier Eier, einen Teelöffel Zimt, einen halben Teelöffel Nelken, einen halben Teelöffel Kardamom, 25 gr Pottasche, einen halben Teelöffel Backpulver. Mehl, Mandeln, Zitronat und GewĂŒrze werden in einer SchĂŒssel miteinander vermischt, dann gibt man die verquirlten Eier hinzu und den im Honig aufgelösten Zucker und das Backpulver, zum Schluß die im lauwarmen Wasser aufgelöste Pottasche. Der Teig muß sehr gut durchgearbeitet werden. Man bĂ€ckt ihm am zweiten Tag. Der Geschmack wird noch verfeinert, wenn man 1 Âœ Weinglas Rum hinzufĂŒgt.

Also frisch ans Werk! Bei alt und jung ist dieser Pfefferkuchen sehr beliebt. Aufzubewahren in geschlossenen BehĂ€ltern bei gleichmĂ€ĂŸiger Temperatur.“

So also war es einmal daheim: In den Wochen vor den Festen wurden Pfefferkuchen, „Fassernissla“, Honigkuchen, Lebkuchen gebacken. Die „Floastersteene“ allerdings backten die Hausfrauen nicht selbst, das blieb den PfefferkĂŒchlereien vorbehalten. Auch die „Bauernbissen“ waren ein Erzeugnis der PfefferkĂŒchlereien.                            zurĂŒck

 

„Neisser Konfekt“, „Liegnitzer Bomben“, „Landskron Bomben“

NatĂŒrlich gab es in unserer schlesischen Heimat auch Besonderheiten, die nur fĂŒr das Weihnachtsfest hergestellt wurden „Neisser Konfekt“ war eine solche SpezialitĂ€t. Ein altes Zeitungsblatt vom Dezember 1933 bringt eine kurze Zeitungsnotiz, welche die Überschrift trĂ€gt: „Weihnachtshochbetrieb bei Neisser Konfekt, und es heißt:

„Jetzt vor Weihnachten sind in dem berschlesischen Neisse die Konfektfabrike bis zum letzten Mann beschĂ€ftigt. Aus allen Teilen des Reiches und auch des Auslandes laufen die Bestellungen auf Neisser Konfekt, diese kleinen, so wĂŒrzig schmeckenden, pfefferkuchenartigen PlĂ€tzchen, die nun seit Jahrzehnten ĂŒberall berĂŒhmt sind. Obwohl die bewĂ€hrten Herstellungsrezepte schon seit drei hundert Jahren angewandt werden, wo alles in modernsten Öfen und Maschinen hergestellt, oft so das keine menschliche Hand damit in BerĂŒhrung kommt. Der Inhaber einer solchen Fabrik Ă€ußerte zu unserer Berichterstattung: „Schade, warum essen alle nur vor Weihnachten Neisser Konfekt. Es schmeckt doch auch im FrĂŒhjahr gut. Wir wĂŒrden gern das ganze Jahr voll arbeiten.“

Und wenn wir uns des Neisser Konfekts erinnern, dann wollen wir die Liegnitzer Bomben nicht vergessen! Wir mĂŒssen sehr ehrlich zugeben: Erst wĂ€hrend des Krieges haben wir Liegnitzer Bomben kennengelernt. Da wurden wir Weihnachten 1944 an der Oder reichlich mit köstlichen GebĂ€ck beschenkt, und weil ich Nichtraucher war und daher im Tausch Zigaretten abzugeben hatte, so habe ich mir fĂŒr meine gesammelten Glimmstengel reichlich Liegnitzer Bomben eingehandelt, die kostbaren Schokoladenguß aufweisen, deren Teig mit Rosinen und kandierten FrĂŒchten versetzt war. Was war eine solche Liegnitzer Bombe damals zum letzten Kriegsweihnachten fĂŒr eine Kostbarkeit! Und als ich ĂŒber die Jahreswende nach Hause fahren durfte, da hatte ich im GepĂ€ck eine Vielzahl Liegnitzer Bomben, mit denen wir uns Abende im Elternhaus versĂŒĂŸten.

In meiner Heimatstadt Görlitz gab es eine Ă€hnliche SpezialitĂ€t, hergestellt bei Pfefferkuchen – Exner auf der Biesnitzer Straße: Die Landskron – Bombe. Ob sie sich in der Zusammensetzung von der Liegnitzer Bombe unterschied, kann ich nicht sagen. Mit Sicherheit aber weiß ich, das diese Landskron – Bomben in einem eigens dafĂŒr hergestellten Karton verkauft wurden die auf der oberen Seite in bescheidenen Druck unsere Görlitzer Landeskrone zeigten. Ach, als wir dann schon wieder im Frieden lebten, einen zweifelshaften Frieden allerdings, denn wer durfte sich damals schon des Lebens sicher fĂŒhlen, die Russen beherrschten das Land, da ging ich manchmal zu der Verkaufsstelle der Firma „Pfefferkuchen – Exner“ und holte mir dort gegen Brot- und Zuckermarken und ein paar Pfennig Geld eine Landskrone – Bombe, die mir in dem genannten Karton verkauft wurde und ich meinte, damit ein StĂŒck vom Saume des Gewandes der entschwunden Vergangenheit ergriffen und gerettet zu haben......

Daß es in Schömberg im östlichen Riesengebirge eine „Zwölf – Apostel – Bombe“ gab, die in der Konditorei Schubert hergestellt wurde, darf nicht vergessen werden. Und erinnern wollen wir bei dieser RĂŒckschau auch daran, daß es in Schlesien auch eine Anzahl Pfefferkuchenfabriken gab. Wir haben mit Hilfe eines Adreßbuches aus dem Jahre 1907 festgestellt, daß es in Jauer eine solche Fabrik gab, die dem PfefferkĂŒchler H. Lauterbach gehörte. In Landeshut gab es eine PfefferkĂŒcherlei von R. DrĂ€ssler. In Friedeberg lebte seit mehreren Generationen die PfefferkĂŒchlerfamilie Menz, ein Zweig derselben pflanzte sich dann in Görlitz fortund hat dort bis in unser Jahrhundert geblĂŒht. In der Stadt Hirschberg im Riesengebirge werden in jenem Adreßbuch von 1907 nicht weniger als 10 PfefferkĂŒchler genannt. In Beuthen war die Pfefferkuchenfabrik von Otto Orgel, Inhaberin Else Orgel, zu finden, wo auch Schokoladen, Pralinees, Marzipan und Fondants hergestellt wurden. Vergessen sei nicht die Pfefferkuchenfabriken in Kattowitz und Ober – Glogau, der Katowitzer PfefferkĂŒchler hieß A. Gnieling. Und in Bad Warmbrunn gab es eine Bisquitfabrik, die einem Herrn Eduard Arnold gehörte, außer ihm waren noch drei PfefferkĂŒchler in den Kurort zu finden.
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Schlesische WeihnachtsgÀnse

Unsere Familie erhielt die WeihnachtsgĂ€nse meist von unserer Großmutter, Vater’s Mutter, die auf dem Dorfe wohnte und neben einen großen  Garten mit vielen ObstbĂ€umen auch ein kleines Haus besaß. Andere kauften ihre Gans beim Kaufmann, beim HĂ€ndler auf dem WochenmĂ€rkten, wo sie von den BĂ€uerinnen feil geboten wurden.

Freilich so bekannt und berĂŒhmt wie die pommerschen GĂ€nse waren die schlesischen nicht. Ob sie deshalb weniger wertvoll oder schmackhaft waren, möchte ich sehr bezweifeln. Wir haben gewiß alle gern schlesisches GĂ€nsefleisch gegessen.

Ein alter Zeitungsartikel, er entstammt wieder einer schlesischen Zeitung vom Dezember 1931 – berichtet uns von schlesischen WeihnachtsgĂ€nsen mancherlei. Wollen wir es erst mal durchlesen ?

„Es ist eigenartig, im Reich hört man viel von den pommerschen GĂ€nsen, aber nicht von den schlesischen. Wenn man z.B. in einer großen Berliner Markthalle die GĂ€nse einmal auf ihre Herkunft untersuchen wĂŒrde, dann wĂŒrde man feststellen, das die meisten GĂ€nse aus Schlesien und nicht aus Pommer kommen. Namentlich gehen jetzt viele Hunderttausende in vielen Wagenladungen der Eisenbahn aus Schlesien heraus, ihrem Schicksal ein Weihnachtsbraten zu werden, entgegen.

In Schlesien ist nĂ€mlich die GĂ€nsezĂŒchterei viel mehr zu Hause als in Pommern. Das bestĂ€tigte die letzte GeflĂŒgelzĂ€hlung. Danach wurden in Schlesien nicht weniger als 865000 GĂ€nse gezĂ€hlt, davon 500000 in Niederschlesien, der Rest in Oberschlesien, wĂ€hrend in ganz Pommern nur 182000 gibt. Schlesien liefert dann fast ein sechstel der gesamten deutschen GĂ€nseproduktion.

Von den HĂ€ndlern aus Berlin und dem Reich, auch aus Breslau, werden sie in den einzelnen Orten ĂŒberall aufgekauft, auf den Bahnhöfen zusammengetrieben und dann lebend in besondere GĂŒterwaggon aus Schlesien heraus in alle Teile des Reiches versandt. Auf diese Weise gehen 750000 StĂŒck alljĂ€hrlich aus Schlesien heraus. Die Reichsbahn befördert diese Tiere mit allergrĂ¶ĂŸter Beschleunigung in besonderen ZĂŒgen und meist Nachts auf besonderen Strecken, denn das Geschrei der GĂ€nse wĂ€hrend der Fahrt wĂŒrde es sonst viel Unannehmlichkeiten geben und die TĂ€tigkeit der Wagenbegleiter, die oft mit langen Stangen die unter den Tieren ausgebrochenen Streitigkeiten schlichten mĂŒssen, wird manchen Reisenden schon aufgefallen sein, der nachts einen solchen Zug begegnet ist.

Warum aber hört man so wenig von den schlesischen GÀnsen und nur immer von den pommerschen ?

Das ist nicht schwer zu erklĂ€ren, da auf den schlesischen GĂ€nsen, da sie lebend verschickt werden, keine besondere Ursprungsmarke den KĂ€ufer das Tier als schlesische Gans erkennen lĂ€ĂŸt, wĂ€hrend in Pommern die GĂ€nse geschlachtet und verarbeitet werden. Der Verkauf erfolgt dann als GĂ€nsebrĂŒste, GĂ€nseleberpastete, GĂ€nsesĂŒlze und Ă€hnliche Artikel, die dann mit der Reklame „Pommersche Erzeugnis“ versehen werden. Der Bedarf an solchen geschlachteten Produkten ist jedoch im Großen auch im Reich kleiner, wĂ€hrend die sogenannte „Familien – Festtagsganz“ in den GroßstĂ€dten erst frisch geschlachtet zu werden pflegt. Zweifellos ist aber auch die schlesische GĂ€nseschlachterei im Aufstieg begriffen, und bald wird man im Reich auch wissen, wie eine schlesische GĂ€nsebrust aussieht und wie schön das Fleisch der jungen GĂ€nse aus Schlesien ist.“

Wie schön eine schlesische GĂ€nsebrust aussieht, haben wir daheim alle gewußt, sicherlich, ob es die Menschen im Reich auch erfahren haben, das mag gut möglich sein, aber genau wissen wir es nicht zu sagen.                                              zurĂŒck

 

 

 

   

Brauchtum in den RauhnÀchten

 Veröffentlicht von Otto Zimmermann in schlesischen Gebirgsboten am20.1.1966

 â€žDie zwölf geheimnisvollen NĂ€chte“; datumsmĂ€ĂŸig die Zeit vom 25.12. bis 6.1., sind in vielen Gegenden mit Brauchtum verbunden. Es ist erstaunlich, das diese Tatsache noch festgestellt werden kann, denn die moderne Zeit steht alten Sitten und BrĂ€uchen nicht gerade förderlich gegenĂŒber.

In einem viel genannten Ferienparadies im Gasteiner Tal, pflegt man in den zwölf NĂ€chten das Perchtenlaufen. Es geschieht zu Ehren von Frau Perchta. Hinter ihr verbirgt sich die Frau Berchta, auch Frau Hulda oder Frau Holle genannt. In der germanischen Mythologie und im MĂ€rchen verbinden sich diese Namen mit der Vorstellung von der nordischen Fruchtbarkeits- und Hausgöttin. Die Göttin soll in den letzten zwölf RauhnĂ€chten ĂŒber Land ziehen, um fĂŒr das neue Jahr Segen zu spenden.

Beim Perchtenlaufen versuchen von Alters her die Perchten, die Frau Holle darzustellen. Die nacharmungsfreudigen Wesen sind phantastisch gekleidete Personen. Im Laufe der Zeit wandelte sich jedoch das Erscheinungsform der Perchten. Man stellte sich vor, daß Frau Holle auf ihrem  Umgang ja Geistern begegnet, gute und böse. Die einen versuchen die huldreiche Frau zu behindern, die anderen gesellen sich zu ihr, um sie zu unterstĂŒtzen. Aus dieser Vorstellung heraus ergab sich, daß die Perchten nun auch beide Geistergruppen verkörpern.

War vom Perchtenlaufen im Garsteiner Tal die Rede, so muß auch das im Salburgerischen ĂŒbliche Perchtenspiel erwĂ€hnt werden. Bei diesen Spiel handelt es sich um ein brauchtĂŒmliches Volksspiel, ebenfalls zu Ehren von Frau Holle in Szene gesetzt. Es wird am 6.1. durch UmzĂŒge gefeiert. Dabei treiben die Perchten ihr nĂ€rrisches Wesen.

Im AllgĂ€u herrscht die Sitte, daß zwischen Weihnachten un dem Fest der Heiligen drei Könige die ganze Familie warm badet. Dadurch soll das kommende Jahr Gesundheit erbeten werden. Diese Sitte mag heute kaum erwĂ€hnenswert erscheinen. Das moderne Badezimmer schließt von selbst aus, daß ein Wochenende vorĂŒber geht, ohne daß man ein Wasserbad nimmt. Man sollte jedoch nicht ĂŒbersehen, wie sich diese Sitte noch vor hundert Jahren ausnahm.

Damals und frĂŒher war das Rauhnachtbaden eine sehr beschwerliche Handlung. Man mußte das warme Wasser in KĂŒbeln herbeitragen, und Tenne und Zuber ersetzten das Badezimmer bzw. die Badewanne. Unter diesen UmstĂ€nden badete auch noch der große Volksgesundheitslehrer Sebastian Kneipp (1821 – 1897). Selber aus den AllgĂ€u stammend und bekannt durch sein Eintreten fĂŒr Kaltwasser-kuren, ĂŒbte der Gesundheitsapostel diese Rauhnachtsitte, eben, weil sie Volksbrauchtum darstellte.

Vielerorts ist es ĂŒblich, daß in den zwölf geheimnisvollen NĂ€chten nicht gewaschen werden darf. DarĂŒber wird beispielsweise in Verbindung mit dem Land Hessen und der ostdeutschen Provinz Schlesien berichtet.

Auch hier mag es frĂŒher sicher nicht immer leicht gewesen sein, die Sitte einzuhalten. Bei dem Kinderreichtum, der einst in fast jeder Familie anzutreffen war, dĂŒrften sich innerhalb von zwölf Tagen nur zu leicht Berge von WĂ€sche angesammelt haben. Und diese Berge werden alsdann nur mit MĂŒhe zu beseitigen gewesen sein. Heute kann man sich dem alten Brauch leichter verschreiben. Die Waschmaschine beseitigt mĂŒhelos den großen WĂ€scheberg.

In Schlesien war in alten Tagen ein weiterer Brauch mit den zwölf NÀchten verbunden.

Am Heiligen Abend hielt der Bauer unter dem Holzkreuz die Familienandacht ab. Das Kreuz stand gewöhnlich am Hoftor zwischen zwei Kastanien. WĂ€hrend der Andacht begaben sich die Knechte des Hofes zu den ObstbĂ€umen. Die Hofleute fĂŒhrten Strohseile mit sich. Mit den Seilen umbanden sie jeden Baum. Das sollte die Obst- bĂ€ume vor Schaden bewahren, der ihnen in den zwölf RauhnĂ€chten zustoßen konnte. Um den Zauber garantiert wirksam zu gestalten, entblĂ¶ĂŸten die Knechte wĂ€hrend des Umbindens ihre HĂ€upter. Gleichzeitig hĂŒtete man sich, bei der Handlung auch nur ein Wort zu sprechen.

Eine noch weitverbreitete Rauhnachtsitte ist das Schiffchenspiel. Bei einer DurchfĂŒhrung lĂ€ĂŸt man in einer SchĂŒssel Nußschalen schwimmen. Jeder Schale vertraut man einen brennenden Wachsfaden an, bei dem Spiel geht es um ein GlĂŒck verheißendes Zeichen. Derjenige soll im neuen Jahr auf GlĂŒck rechnen dĂŒrfen, dessen Schiffchen im Wettstreit mit anderen zuerst den rettenden Hafen erreicht. Als solches wird der  SchĂŒsselrand angesehen.

Hinter allem in der RauhnĂ€chten geĂŒbten Brauchtum verbirgt sich eigentlich der Wunsch, den man zum Jahreswechsel ĂŒblicherweise mit der Redewendung: „Viel GlĂŒck und viel Gutes!“ ausdrĂŒckt. Möge man deshalb eines nicht vergessen: Selten widerfĂ€hrt einem das erhoffte GlĂŒck, ohne daß man ihm mit Tatkraft entgegengeht.

zur VerfĂŒgung gestellt von Reiner TannhĂ€user                                                     zurĂŒck

 

Erinnerungen an Weihnachten 1946

Beitrag von Guenter Boehm (Jahrgang 1939)


 

Es war Weihnachten 1946, ich war sieben Jahre alt. Nur noch ein paar deutsche Familien waren in Friedland zurĂŒckgeblieben. Die anderen waren gleich nach dem Krieg geflĂŒchtet oder vertrieben worden, sogar mein 16jĂ€hriger Bruder  wurde mit unserer Tante nach dem Westen ausgewiesen. Mein Vater war in seiner  Arbeit im Bergbau noch unersetzlich und durfte nicht gehen. Deswegen wurden wir erst 1948 "umgesiedelt".

Zum Heiligen Abend waren wir zu einer anderen  deutschen Familie (Max und Hedwig Schurm) eingeladen worden. Sie wohnten auf der anderen Seite des StĂ€dtchens. Viel Schnee lag auf der Strasse und es war schon dunkel. Als wir am Rathaus vorbeigehen wollten, kam uns plötzlich polnische  Miliz entgegen. Sie schrieen uns an, wir sollten uns auf die Erde legen. Da lag ich im Schnee, zwischen meinen Eltern, mit meinem schönen Holzpferd, das ich  kurz vorher vom Christkind bekommen hatte. Nachdem sie meinem Vater einige Fragen gestellt hatten, durften meine Mutter und ich aufstehen und wir sollten zurĂŒck nach Hause gehen. Als mein Vater, noch im Schnee liegend, mĂŒhsam aus  seiner Manteltasche uns den großen HaustĂŒrschlĂŒssel geben wollte, hĂ€tte einer  der Milizleute ihn beinahe noch erschossen, da sie dachten, mein Vater hĂ€tte  vielleicht eine Pistole in der Tasche. Dann wurde mein Vater abgefĂŒhrt. Diese  Nacht konnten wir nicht schlafen. Ich lag nun da, mit meinem Holzpferd, von dem  ich immer noch dachte, es sei mein schönsten Weihnachtsgeschenk. Die ganze Nacht  war ich in Angst und Bange um meinen Vater und als ich ihn am nĂ€chsten Morgen zurĂŒckkommen sah, wußte ich, dass mein Holzpferd doch nicht mein bestes  Weihnachtsgeschenk war.

 

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